Gruppenfoto der Sängerinnen und Sänger des MGV Bozen vor einem Kirchenportal

Der Männergesangverein Bozen ist einer der traditionsreichsten Chöre Südtirols. Zum Verein gehören ein Männer- und ein Frauenchor, die heute meist gemeinsam als gemischter Chor singen – von der Renaissance bis zur Moderne, a cappella ebenso wie mit Orchester.

1876 – 1945

Am 12. Mai 1876 wurde im Café „Schgraffer“ am Bozner „Johannesplatz“ (heute Waltherplatz) der Männergesangverein Bozen gegründet. Er trat das Erbe der „Bozner Liedertafel“ an, die 1861 entstanden war und der andere chorische Zusammenschlüsse wie die Sängerrunde „Erheiterung“ und der 1855 gegründete „Musikverein“ vorausgegangen waren. Wie die Vereinschronik festhält, war die Liedertafel durch ihre vielen Verpflichtungen vom regelmäßigen Proben abgekommen und konnte kein eigenes Konzertleben mehr entwickeln. Der neue Verein sollte die Pflege des Männergesanges wieder auf eine feste Grundlage stellen und übernahm Zielsetzung und Motto seines Vorgängers: „Deutscher Sang, du fester Hort, hüte treu das freie Wort“. Sein Selbstverständnis hielt schon das Protokoll der ersten Vollversammlung fest: Im Verein solle es keinen Professor und keinen Doktor, keinen Schuster und keinen Schneider geben, sondern nur Sangesbrüder. Dieser Geist prägt den Umgang im Verein bis heute.

Erster Obmann war Rudolf Hanke, Direktor der Lehrerbildungsanstalt (1876–1879). Ihm folgte Dr. Julius Perathoner, der spätere legendäre Bürgermeister Bozens, der den Verein volle 47 Jahre lang bis 1926 leitete; von 1879 bis 1889 stand Johann Zipperle als erster Dirigent am Pult. Unter ihnen entfaltete der MGV bis zum Ersten Weltkrieg eine reichhaltige Tätigkeit. Gesungen wurde in den Hotels der Stadt, etwa im „Kräutner“, im „Schgraffer“ oder im „Viktoria“, im Prunksaal des Merkantilgebäudes und im Hof von Schloss Runkelstein. Mit der Eröffnung der Bürgersäle am heutigen Verdiplatz am 6. Jänner 1886 fand der Verein dort seinen festen Sitz. Seine Konzerte, nicht selten gemeinsam mit renommierten Solisten wie dem Scala-Tenor Vinzenz Maria Demetz, bildeten Glanzpunkte im Musikleben der Stadt. Auswärts gastierte der Chor in Meran und Innsbruck sowie bei großen Sängerbundfesten in Stuttgart (1896), Lienz (1900), Graz (1902), Schwaz (1903) und Nürnberg (1912). Er wirkte bei Denkmal- und Gedenktafelenthüllungen mit; dem Waltherdenkmal fühlte er sich besonders verbunden, zu dessen Fonds er schon im Gründungsjahr ein Benefizkonzert gab.

Gruppenfoto der Sänger des MGV Bozen im Burghof von Schloss Runkelstein, 1901

Der Männergesangverein Bozen im Jahre 1901 im Burghof von Runkelstein

Der Erste Weltkrieg forderte vom MGV einen hohen Blutzoll. Nach dem Tod Perathoners geriet der Verein in eine tiefe Krise: Wer könne ihn unter den veränderten Verhältnissen noch zusammenhalten, fragt die Vereinschronik 1926/27. Dazu kam die Angst vor einer Auflösung durch die Faschisten, die aber ausblieb. Nach der gewaltsamen Auflösung des Bozner Turnvereins nahm der MGV sogar dessen bekannte Turner-Sängerriege als „Kleinen Chor des MGV Bozen“ auf. Als die Bürgersäle zum Offizierskasino wurden, verlor er seinen Sitz und probte wieder in Hotels, zuletzt im „Bayrischen Hof“. Unter Obmann Anton Nagele (1927–1938) beschränkte sich das Vereinsleben auf ein Minimum: Von 1934 bis 1939 gab es kaum mehr als Abschiedslieder am Grab verstorbener Sänger, zwei bescheidene Liedertafeln und einige harmlose Faschingskabaretts. Der Zweite Weltkrieg forderte erneut große Opfer. Zu existieren aufgehört hat der Verein aber auch in diesen dürren Jahrzehnten nie.

1946 bis heute

Nach dem Zweiten Weltkrieg fand der MGV Bozen unter Obmann Dr. Hugo Perathoner, dem Sohn Julius Perathoners, bald wieder zu geordneter Arbeit zurück. Geprobt wurde damals im Café „Kerschbaumer“ in der Bindergasse. 1948/49 trat der Chor mit zwei Liedertafeln wieder an die Öffentlichkeit, am 7. Mai 1950 gab er beim Sängerbundfest im Meraner Kursaal ein großes Konzert, und sein 75. Bestandsjubiläum beging er am 5./6. Mai 1951 mit einem Festkonzert beim „Greif“. Es waren Jahre des kulturellen Neubeginns: Der Verein erinnerte sich seiner früheren Rolle im städtischen Kulturleben, rückte von der inzwischen als rührselig empfundenen Liedertafel ab und wandte sich einer neu strukturierten Chorliteratur zu. Zugleich löste er sich von der liberalen Gedankenwelt seiner Gründer und folgte nun einer christlich geprägten Weltsicht; Weihnachtssingen und Messen fanden Eingang ins Repertoire.

Spätestens mit dem Jubiläum wurde dem Verein klar, dass er gesellschaftlich vor allem für eine niveauvolle „Faschingskultur“ gefordert war. Seine mit pointiertem Witz und derber Ironie garnierten Kabarettabende gehörten von den späten 40er bis tief in die 60er Jahre zu den stilvollsten Höhepunkten jeder Faschingssaison. Der „Schnüffler“, Bozens einzige Faschingszeitung, die der Verein selbst herausbrachte, genoss als „erlesenes Produkt satirischer Ernsthaftigkeit“ große Resonanz, bis diese um die Wende zu den 70er Jahren schlagartig nachließ. 1972 wurde er eingestellt – eine Ära der kulturellen Arbeit des Vereins war zu Ende. Ganz in der Tradition seiner fast hundertjährigen Geschichte wandte sich der MGV nun unter Obmann Dr. Karlheinz Erckert und Chorleiter Prof. Hans Thomaser der musikalischen Erziehung der Jugend zu. Zur selben Zeit übersiedelte er aus der „Grotte“ in der Gerbergasse ins alte Rathaus unter den Lauben – ausgerechnet in die frühere Amtsstube Bürgermeister Perathoners – und verwandelte die Räume durch tatkräftigen Einsatz in einen freundlichen Vereinssitz. Im Herbst 1973 erhielten ganze 35 Schüler, zunächst nur Kinder aktiver Mitglieder, ihren ersten Instrumental- und Gesangunterricht; im folgenden Schuljahr hatte sich die Zahl verfünffacht, und vier Lehrer unterrichteten 29 Wochenstunden. Die Nachfrage war enorm, zu einer Zeit, als von Musikerziehungsinstituten noch lange nur geträumt wurde. In dieser Zeit, genauer gesagt im Jahre 1978, entstand aus dem Kinder- und Jugendchor auch der Mädchenchor des MGV, der 1980, also zwei Jahre später, nicht mehr nur als Musikklasse, sondern als eigenständiger Zweig im Verein geführt wurde.

Als 1984 ein Streit um die Raumnutzung eskalierte, unterschrieben 1561 Bozner eine Petition für eine dauerhafte Lösung. 1991 erreichte den Verein die Kündigung der Lokale zum 8. November 1993. Die Schülerzahl lag längst über 200, die Zahl der Lehrer über einem Dutzend. Die neue Bleibe sollte zentral liegen und lauten Musikunterricht ohne Störung der Nachbarn erlauben; dank des großen Entgegenkommens des Franziskanerklosters konnte der MGV zwei Stockwerke im ehemaligen Ludwigsheim in der Franziskanergasse 6 bis 2023 anmieten. Mit Unterstützung des Landes und einer Spende der Südtiroler Sparkasse wurden sie adaptiert, und zu Dreikönig 1994 zog der Verein ein. Im Schuljahr 1995/96 unterrichteten 13 Lehrer 242 Schüler in sechs Unterrichtsräumen. Zuletzt probten sechs Chöre im Haus: Männer-, Mädchen-, Kinder- und Jugendchor, „eKsperimento“, der „Kleine Chor“ und der Franziskaner Kirchenchor.

Chor und Orchester des MGV Bozen bei einer Aufführung in der Franziskanerkirche, 1999

Aufführung des Weihnachtsoratoriums „Die Geburt Christi“ von Heinrich von Herzogenberg in der Franziskanerkirche im Jahre 1999 durch den Kinder-, Mädchen- und Männerchor sowie das Musikschulorchester des MGV Bozen unter der Leitung von Willi Tschenett

2003 übernahm das Institut für Musikerziehung in deutscher und ladinischer Sprache die Musikkurse, die weiterhin in den Räumen des MGV stattfinden. Heute proben außer dem Männer- und Frauenchor des MGV auch der Singkreis Runkelstein und der Franziskanerchor am Vereinssitz.

Vereinsleben

Neben der regelmäßigen Proben- und Konzerttätigkeit war es dem Verein seit jeher auch ein Anliegen, seinen Mitgliedern Geselligkeit und Unterhaltung zu bieten. Ob in dezidierter Weise durch einen eigenen „Vergnügungsausschuss“ wie noch vor etwa 100 Jahren oder durch die Vereinsleitung selbst organisiert – mehrmals im Jahr wird für ein gemütliches Beisammensein gesorgt.

Impressionen aus dem Vereinsleben

Beim Grillfest im Juni
Abwechselnd bei Sommer- …
… oder Winterolympiade
Oder einfach nach der Probe bei einem „Korter“